Künstliche Intelligenz (KI) ist aus der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Die Zahl der verfügbaren KIs und ihre Möglichkeiten scheinen dabei in kaum überschaubarem Maße zu wachsen – wer heute denkt, er ist beim Thema KI ganz vorne mit dabei, kann nach dem Sommerurlaub vielleicht schon staunen, was an neuen Entwicklungen dazugekommen ist. Während man vor einigen Jahren noch dachte, das KI uns vor allen Dingen die repetitiven, manchmal auch weniger spannenden Aufgaben im beruflichen Alltag abnimmt, darf heute an vielen Stellen auch über das kreative Potenzial von KI staunen
KI-gestützte Systeme wie ChatGPT unterstützen etwa bei der Ideenfindung, beim Formulieren ansprechender Texte oder bei der verständlichen Aufbereitung komplexer Inhalte. Eine aktuelle Studie im Journal of Applied Psychology (Sun et al., 2025) zeigt sogar: Der Einsatz von generativer KI kann die individuelle Kreativität fördern.
In einer Arbeitswelt im Wandel, in der nicht nur klare Ziele, sondern auch Sinn und Orientierung gefragt sind, ist genau diese Kreativität entscheidend. Führungskräfte müssen nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch inspirierende Geschichten erzählen können. Denn gute Geschichten machen das „Warum“ einer Veränderung greifbar, erzeugen emotionale Bindung, bauen Widerstände ab, motivieren zur Zusammenarbeit, inspirieren Neues zu wagen und wirken vertrauensfördernd (Auvinen et al., 2013). Gelingt es Führungskräften ihr Team emotional mitzunehmen, Neugier zu wecken und eine kollektive Identität (Brown, 2006) zu fördern, spricht man von erfolgreichem Storytelling.
Damit dies gelingt, gilt es als Führungskraft drei Hürden zu nehmen:
1. Haltung und Glaubwürdigkeit vermitteln
Auch wenn KI dabei helfen kann ein stimmiges Narrativ, das „Warum“, zu entwerfen – das „Wie“ der Kommunikation kann sie nicht übernehmen. Wirkungsvolles Storytelling lebt von der persönlichen Haltung und der Glaubwürdigkeit der Führungskraft. Martin Luther King’s Rede „I have a dream“, vielleicht DAS Beispiel im Schulunterricht, wenn es darum geht, wie es gelingen kann Überzeugungskraft zu entfalten, lebte eben auch davon, dass MLK als charismatischer Redner wahrgenommen wurde. Charismatisch möchte man sein und doch ist es so schwer greifbar. Informell mag man sagen: Charismatisch ist der- oder diejenige, von dem/der man immer mehr hören möchte, dem/der man nahe sein möchte. Formell lässt sich dieses Gefühl u.A. als die suggestive Kraft Vertrauen aufzubauen beschreiben. Dahinter verbirgt sich die Fähigkeit die Aufmerksamkeit anderer zu lenken, Emotionen hervorzurufen, eine Vision aufzuzeigen und als Vorbild wahrgenommen zu werden (Grabo et al., 2017) die dazu beiträgt, dass eine charismatische Beziehung entsteht. Nur wer als charismatisch erlebt wird, kann die emotionale Wirkung einer Geschichte voll entfalten. Eine KI kann formulieren – aber keine Haltung verkörpern.
2. Manipulation und Verzerrung entgegentreten
Generative KI kann Inhalte plausibel und eloquent formulieren. Doch gerade diese Stärke birgt ein Risiko: Wer sich zu stark auf KI-Inhalte verlässt, übernimmt womöglich unreflektiert Aussagen – und verliert den kritischen Blick. Ob unbewusst oder aber wohlwissentlich: Storytelling kann manipulativ sein, wenn durch Narrative Informationen verzerrt dargestellt werden. Ganz aktuell zeigt sich dies beispielsweise im Kontext von „Fake News“, wenn wirkungsvoll Unwahrheiten kommuniziert werden (Girão et al., 2023; Polletta & Callahan, 2017). Integrität und ethisches Bewusstsein sind daher heute wichtiger denn je, insbesondere im Umgang mit KI. Kreatives Storytelling braucht auch in Zukunft menschliche Validierung, um die neuen technologischen Werkzeuge klug, reflektiert und verantwortungsvoll einzusetzen (Sinha et al., 2024).
3. Innovation und Vielfalt sichern
Während generative KI sich positiv auf die Kreativität auswirken kann (Sun et al., 2025), gilt es dies doch mit Vorsicht zu genießen (Liu et al., 2024): Beim Vergleich von einer Experimentalgruppe, die ChatGPT nutzen durfte, mit einer Kontrollgruppe, in welcher die KI-Nutzung untersagt war, zeigte sich zwar ein Kreativitäts-Boost in der Experimentalgruppe, jedoch wurde gleichzeitig auch eine Homogenisierung der Ideen sichtbar. Ideen wurden sich ähnlicher, originelle Perspektiven gingen verloren. Nachdem die Experimentalgruppe nicht mehr mit ChatGPT arbeitete, verschwand der Kreativität-Boost. So weit, so wenig überraschend. Das Beunruhigende zeigte sich erst im Nachgang: Die Homogenisierung der Ideen blieb. In einem Artikel im The New Yorker (2025) warnt der Journalist Joshua Rothman davor, dass ein vermehrter KI-Einsatz mental abhängig machen kann. Statt mehr Raum für Kreativität entsteht dann geistige Passivität und Gleichförmigkeit. Besonders beunruhigend daran im Hinblick auf ein gewinnendes Storytelling ist, dass die kreative Ausdrucksvielfalt – ein zentrales Element emotionaler Überzeugungskraft – langfristig verloren gehen kann.
Kreativität braucht Selbstreflexion – nicht nur Technik
Besonders profitieren von den kreativen Potenzialen der generativen KI diejenigen, die sogenannte „metakognitive Strategien“ einsetzen können – also die Fähigkeit besitzen Aufgaben zu planen, den eigenen Fortschritt zu beobachten und flexibel die Herangehensweise anzupassen (Sun et al., 2025). Wer diese Selbststeuerung mit der Nutzung von KI kombiniert, kann die eigenen Denkprozesse gezielt erweitern und das volle Potenzial aus der kreativen Unterstützung der KI beim Storytelling schöpfen.
Für Führungskräfte bedeutet das: KI kann helfen, einen roten Faden zu finden. Es geht jedoch nicht darum, der KI freie Hand zu lassen, sondern darum, die eigene Denkfähigkeit mit der Unterstützung durch KI zu verknüpfen. Nur so wird Storytelling mit KI zu einem echten Mehrwert: emotional, überzeugend, verantwortungsvoll – und zukunftsfähig.
Was heißt das für die Praxis?
- Nutze KI reflektiert: Setze KI bewusst ein und behalte die Verantwortung – gegen Manipulation und für integritätsbasiertes Storytelling.
- Zeige Deine Haltung: Nutze KI zur Ideenfindung – aber verkörpere das „Warum“ selbst, glaubwürdig und mit persönlicher Überzeugung.
- Werde selbst kreativ: Vermeide kreative Gleichförmigkeit – kombiniere KI-Nutzung mit Selbstreflexion und metakognitiver Steuerung.
Quellen:
Auvinen, T., Aaltio, I., & Blomqvist, K. (2013). Constructing leadership by storytelling–the meaning of trust and narratives. Leadership & Organization Development Journal, 34(6), 496-514.
Brown, A. D. (2006). A narrative approach to collective identities. Journal of Management Studies, 43(4), 731-753.
Girão, M., Irigaray, H. A. R., & Stocker, F. (2023). Fake news and storytelling: two sides of the same coin or two equal coins?. Cadernos Ebape. BR, 21, e2023-0003.
Grabo, A., Spisak, B. R., & van Vugt, M. (2017). Charisma as signal: An evolutionary perspective on charismatic leadership. The Leadership Quarterly, 28(4), 473-485.
Liu, Q., Zhou, Y., Huang, J., & Li, G. (2024). When ChatGPT is gone: Creativity reverts and homogeneity persists. arXiv preprint arXiv:2401.06816.
Polletta, F., & Callahan, J. (2018). Deep stories, nostalgia narratives, and fake news: Storytelling in the Trump era. In Politics of meaning/meaning of politics: Cultural sociology of the 2016 US presidential election (pp. 55-73). Cham: Springer International Publishing.
Rothman, J. (2025). Why even try if you have A.I.? The New Yorker.
Sinha, C., Vracheva, V., & Nistor, C. (2024). Maximizing Generative AI Benefits with Task Creativity and Human Validation. Journal of Behavioral and Applied Management, 24(2), 112-122.
Sun, S., Li, Z. A., Foo, M. D., Zhou, J., & Lu, J. G. (2025). How and for whom using generative AI affects creativity: A field experiment. Journal of Applied Psychology.



